Natalie Truchsess Fotografische Innensichten ICM photography

Mein fotografisches Handwerk erlernte ich bei dem Fotografen und Filmemacher Valentin Schwab. In einem Fachbezogenen Praktikum bekam ich bei ihm 1986/87 fundierte Einblicke in Technik und Ästhetik der Dokumentarfotografie und Gelegenheit, meine eigene Bildsprache zu entwickeln.

Nach einem Fachbezogenen Praktikum in der Film- und Studioproduktion beim Bayerischen Rundfunk 1988 arbeitete ich mehrere Jahre als Kamera-Assistentin, sowohl in der analogen wie auch elektronischen Filmaufnahme in den Bereichen Aktuelle Berichterstattung, Feature und Fernsehspiel. Nach einer Weiterbildung 1992 zur Tontechnikerin an der SRT (Schule für Rundfunktechnik) wechselte ich zum Hessischen Rundfunk nach Frankfurt und arbeitete bis 2018 in der Hörfunktechnik.

Als passionierte Fotografin habe ich meine Bildsprache im Laufe der letzten 35 Jahre immer weiter abstrahiert, aber meine dokumentarfotografischen Wurzeln prägen bis heute meine Arbeitsweise. Insbesondere interessiert es mich, das Thema "was ist Realität, und wie kann man sie fotografieren?" zu untersuchen.

Die klassische Dokumentar-Fotografie versucht Realität abzubilden. Nur: Es gibt nicht DIE EINE Realität; es gibt viele Realitäten, je nach Interpretation. Die eine sieht das Glas halb voll, für den anderen ist es halb leer. Gefühle, Erfahrungen und Wertvorstellungen der Fotograf*in fließen einerseits bei der Aufnahme in JEDES Bild mit ein und vermischen sich mit der Atmosphäre, die einer Situation inne wohnt. Andererseits wird jedes Foto erst durch die Teilnahme der Betrachter*in "vollendet", je nach dem, was er oder sie beim Betrachten des Fotos mitbringt.

 

Zu analogen Zeiten hatte ich nur eine begrenzte Anzahl von Filmrollen dabei. Dies schulte mich, das Besondere einer Situation intuitiv zu erfassen, um es in einem Bild zu erzählen. Mein Ziel als Dokumentarfotografin ist bis heute die Welt so abzubilden, wie sie mir in ihrer Komplexität erscheint. Ob Menschen, Architektur oder Natur, die Vielschichtigkeit einer Situation macht die Spannung im Bild aus. Auch alltägliche Dinge mit ihren Texturen, Farben und Kompositionen, die gemeinhin nicht wahr genommen werden, haben diese Faszination.

Mit der digitalen ICM Technik eröffnete sich mir die Möglichkeit, mich auf die Abbildung der Atmosphäre einer Situation zu konzentrieren.

Mit ICM wird es mir aber auch möglich, Varianten der vielschichtigen Realität einer Situation zu fotografieren.

Ich erfasse damit intuitiv unterschiedliche Aspekte dieser Realität und verdichte sie in einem Bild.

 

Bewege ich die Kamera mit der RCM Technik entstehen Fotos, bei denen die ursprünglichen Motive nicht mehr zu erkennen sind. 

Meine Kamera wird so für mich zu einem künstlerischen Mittel, mit dem ich die Realität zerlegen und in veränderter Form neu aufzeichnen kann. Wie bei der klassischen Dokumentarfotografie suche ich beim Sichten diejenigen Aufnahmen heraus, die eine Stimmung wiedergeben. Sie ermöglichen mir der Komplexität meiner eigenen Realitäten und Stimmungen während der Aufnahmesituation nach zu gehen.

 

Wie Dichtung als höchst individuelle Auseinandersetzung mit der Welt angesehen werden kann, die jenseits der Worte intuitiv verstanden wird, weil sie in Bereiche vorzudringen vermag, die sich dem Verstand entziehen, kann die Bildsprache meiner abstrakten Fotografien dem Betrachter ermöglichen dieser anderen Welt zu begegnen. 

 

Durch Corona auf mich und meinen Mikrokosmos zurückgeworfen, ging ich dazu über, mich mehr damit zu beschäftigen, wie diese, zunächst von mir intuitiv entwickelte, RCM Technik eigentlich funktioniert.

Interessant ist, dass diese Art von Bildsprache nur mit dokumentar-fotografischer Herangehensweise klappt, also wenn ich auf die Stimmung einer gegebenen Situation reagiere. Es funktioniert nicht, wenn ich versuche, Alltagsgegenstände zu arrangieren.

 

Meine RCM Fotografie unterscheidet sich deshalb auch von einer Konzept-Fotografie, die Szenen inszeniert oder mit digitaler Fotomontage Bilder am Computer erstellt.

So abstrakt meine Bilder auch aussehen, es sind im eigentlichen Sinne Dokumentarfotos, die die Vielschichtigkeit und Komplexität meiner Realität in einem Stimmungsbild festhalten und in lyrischer Weise von ihr erzählen.

About me and my photographic imagery

 

I learned my photographic craft from the photographer and filmmaker Valentin Schwab. During a specialized internship with him in 1986/87, I gained profound insights into the technique and aesthetics of documentary photography and had the opportunity to develop my own visual language.

After a specialized internship in film and studio production at Bayerischer Rundfunk in 1988, I worked for several years as a camera assistant, both in analogue and electronic film recording in the areas of current media reporting, feature and television drama. After further training in 1992 as a sound technician at the SRT (Schule für Rundfunktechnik), I moved to Hessischer Rundfunk in Frankfurt and worked in radio engineering until 2018.

As a passionate photographer, I have abstracted my visual language more and more over the last 35 years, but my documentary photography roots continue to shape my way of working today. In particular, I am interested in exploring the theme of "what is reality, and how can it be photographed".

Classical documentary photography tries to depict reality. Only: There is not THE ONE reality; there are many realities, depending on the interpretation. One person sees the glass half full, for another it is half empty. On the one hand, the photographer's feelings, experiences and values flow into EVERY picture and mix with the atmosphere inherent in a situation. On the other hand, each photo is only "completed" with the participation of the viewer, depending on what he or she brings with them when viewing the photo.

In analog times, I carried only a limited number of rolls of film. This trained me to intuitively capture what was special about a situation in order to tell it in one picture. 

My goal as a documentary photographer to this day is to depict the world as it appears to me in its complexity. Whether it’s people, architecture or nature, the complexity of a situation creates the tension in the picture. 

Also everyday things with their textures, colors and compositions, which are commonly not perceived, have this fascination.

Sifting through the photos, I pick out those images that best reflect the mood I feel.

 

With the digital ICM technique, the possibility opened up for me to concentrate on depicting the atmosphere of a situation.

But with ICM it is also possible for me to photograph variations of the multi-layered reality of a situation.

I use it to intuitively capture different aspects of this reality and condense them into an image.
 

If I move the camera with the RCM technique, photos are created in which the original motifs are no longer recognizable.

My camera thus becomes for me an artistic means with which I can disassemble reality and re-record them in altered form. As in classical documentary photography, when I sift through the images I pick out those that reflect a mood. They allow me to pursue the complexity of my own realities and moods during the shooting situation.

Just as poetry can be seen as a highly individual engagement with the world, intuitively understood beyond words because it is able to penetrate into realms that elude the mind, the imagery of my abstract photographs can enable the viewer to encounter this other world.

With Corona thrown back on me and my microcosm, I became more involved with how this RCM technique, which I initially developed intuitively, actually works.

It's interesting that this kind of imagery only works with a documentary-photographic approach, that is, when I react to the mood in a shooting situation. It doesn't work if I try to arrange everyday objects. 

 

My RCM photography therefore also differs from concept photography, which stages scenes or creates images on the computer with digital photomontage.

As abstract as my images look, they are documentary photos in the true sense, which capture the multifacetedness and complexity of my reality in an atmospheric image and narrate it in a lyrical way.