Übersetzung des Interviews aus dem Aesthetica Magazin

 

Vorstellungstext aus dem Print-Magazin:

 

Die deutsche Künstlerin Natalie Truchsess verfügt über einen umfangreichen Hintergrund in analoger Dokumentar-, Landschafts- und Porträtfotografie. In ihrer aktuellen Arbeit verwendet sie abstrakte Fotografien, um die Darstellung des Unterschwelligen, Unaussprechlichen und Ephemeren zu erkunden.

 

Neue Ansätze der Dokumentarfotografie treiben ihre Praxis voran - durch die Bewegung der Kamera lösen sich die Konturen der Motive in den Bildern auf und verschmelzen mit den situativen Stimmungen. Truchsess gelingt es eine Bildsprache zu schaffen die die Komplexität der Wirklichkeit in lyrischer Abstraktion vermittelt.

 

Natalie Truchsess Metamorphose Querformat ICM photography

Farbe Bekennen

Interview aus dem Online-Künstlerverzeichnis (Q&A Natalie Truchsess):

A: In Ausgabe 105 von Aesthetica zeigen wir ein Werk aus der Serie Metamorphose. Welcher Prozess steht hinter dieser Arbeit? 

 

NT: Es handelt sich dabei um einen neuen Ansatz von Dokumentarischer Fotografie, der unsichtbare Anteile der Realität visualisiert. 

Das hört sich jetzt vielleicht erstmal merkwürdig an, denn meine abstrakten Fotos haben nicht viel mit der Art von Dokumentarfotografie zu tun, wie man sie bisher kennt. Aber ich verfolge den gleichen Ansatz wie bei der herkömmlichen Dokumentarfotografie: Ich begegne einer bestimmten Situation und ich fotografiere sie dann ohne sie zu verändern. Der entscheidende Unterschied ist die Technik mit der ich die Situation aufnehme. Ich nenne sie RCM (Remodel by Camera Movement) weil ich die Kamera während der Aufnahme so schnell bewege, dass sich die Konturen der fotografierten Motive auflösen und dabei neue Bilder entstehen. 

Bei dem Foto „What Remains“ zum Beispiel habe ich einen kaputten Monobloc-Plastikstuhl an einer abgebauten Strandbude fotografiert. Ich hatte dabei nicht das Bedürfnis die bunte Farbe des Stuhls fest zu halten oder die Struktur der Bretterwand, sondern es war ein anderer Impuls:  Irgendwas wollte mir die Situation mit dem zurück gelassenen Stuhl erzählen. Was, habe ich im Moment der Aufnahme nicht verstanden. Aber, dass ich sie nicht „normal“ fotografieren wollte, sondern mit meiner RCM Technik. Später beim Sichten der verschiedenen Aufnahmen hat mich dann ein Foto besonders angesprochen. Es regte in mir Fragen an: Ab wann ist ein Stuhl kein Stuhl mehr? Mit dem Wegfall seiner Funktionstüchtigkeit? Mit dem Zerfall seines Materials? Wann trennen sich „Idee von Stuhl“ und „materielle Ausgestaltung“ ? Was bleibt einmal vom Stuhl wenn er zerfallen ist? Und, was bleibt mal von uns? … 

Indem ich mit dem RCM Fotoprozess den Stuhl von seiner materiellen Wirklichkeit löste, konnte ich seine Geschichte auf neue Weise erzählen. Ich nenne diese Art der Fotografie auch lyrische Abstraktion, weil mich der Entstehungsprozess an die Arbeitsweise der Maler des abstrakten Expressionismus erinnert, die ebenfalls intuitiv und schnell ihr Arbeitsgerät (sie Pinsel, ich Kamera) bewegt haben. Es geht bei diesem Prozess nicht mehr um das Abbilden der materiellen Realität, sondern um das Abbilden von Stimmungen die einer Situation inne wohnen. 

Natalie Truchsess Metamorphose Querformat ICM photography

What Remains (Was bleibt)

A: Sie haben erwähnt, dass es Sie "fasziniert, materielle Realitäten in abstrakte Bilder zu verwandeln". Warum? 

 

NT: Mich fasziniert wie sich die unsichtbaren Aspekte des Lebens über diesen technischen Prozess einen Weg in die sichtbare Welt meiner Fotos bahnen. Meine Bilder überraschen mich oft selber, denn sie entstehen ja nicht in einem bewussten Prozess, bei dem ich sage, „So, jetzt fotografiere ich mal diese oder jene Stimmung“. Ich plane die Situation nicht, sondern sie begegnet mir. 

Das unterscheidet meine Fotografie auch von der Konzept-Fotografie, bei der ich vorher festlegen würde, was ich fotografieren möchte, um dem Betrachter eine bestimmte Botschaft zu übermitteln. Meine Fotos sind eher eine Kommunikation mit einer unsichtbaren Welt.

Es ist die Welt unterschwelliger Gefühle, von Stimmungen die in der Luft liegen oder von spannenden Ambivalenzen.

Sie kennen sicher den Effekt, dass Sie in einen Raum kommen und spüren, dass etwas nicht stimmt. Alles sieht normal aus, aber ihr Bauchgefühl sagt Ihnen etwas anderes. In der Art würde ich den Impuls beschreiben, der mich zum RCM Fotografieren anregt, oft so subtil und fein, dass ich selber nicht artikulieren kann, was in der Situation gerade mitschwingt. Aber es gibt diesen Impuls. Und ich habe mit meiner Kameratechnik ein künstlerisches Mittel zur Hand, mit der ich auf ihn reagieren kann. Ich kann die sichtbare Realität zerlegen und in veränderter Form, mit all ihren Anteilen, neu aufzeichnen. 

Natalie Truchsess Metamorphose Quadrat ICM photography

et ... et (Sowohl, als auch)

A: Inwiefern ermöglicht Ihnen das einen neuen Blick auf Ihr Alltagsleben?

 

NT: Nun, da spielt vielleicht ein anderer Aspekt bei meinem Foto-Prozess eine Rolle. Als Profi-Fotograf*in macht man mehrere Fotos von einer Situation und sucht sich später beim Sichten dasjenige heraus, das die gewünschte Stimmung am besten wieder gibt, wie zum Beispiel beim Photo-Shooting. Dort sind auf den Fotos allerdings immer nur Varianten des fotografierten Modells zu sehen, in einer anderen Pose oder aus einer anderen Perspektive aufgenommen. 

Bei meiner Aufnahmetechnik kommen viele verschiedene abstrakte Fotos heraus, die nichts mehr mit dem realen Motiv zu tun haben. Sie stellen ganz eigene Varianten der fotografierten Situation dar. Auch hier wähle ich das Foto aus, bei dem ich das Gefühl habe, dass es die Stimmung am besten wiedergibt. 

Indem ich aber ein Bild dieser abstrakten Varianten auswähle, entscheide ich mich speziell diesem einen Teilaspekt, der sich in dieser einen Variante manifestiert hat, mehr Bedeutung zu geben, als den anderen. Er wird dadurch ein bewusster Teil meiner Wirklichkeit.

Und diesen intuitiven, aber selektiven Auswahlprozess habe ich darauf auch in meinem Alltagsleben bewusster wahrgenommen. Denn in den verborgenen Anteilen der Realität existieren ja ganz viele Nuancen von Möglichkeiten. Sie schweben sozusagen in der unterschwelligen Welt der Ideen, Gedanken und Gefühle, und offenbaren sich erst in dem Moment, wenn sie Worte, Taten oder Bilder werden. Erst indem wir bestimmten Aspekten der Realität Relevanz geben, werden sie zu Wirklichkeit. 

Natalie Truchsess Metamorphose Hochformat ICM photography

Celebration (Freudenfest)

A: Wie können Sie durch das Auflösen der Konturen Ihrer Motive verborgene Welten zeigen?

 

NT: Das ist wirklich eine der schwierigsten Fragen. 

In den letzten zwei Jahren, als ich (wegen Corona) vor allem zu Hause war, konnte ich die Arbeitsweise gut beobachten: Im Vergleich zu vorher, reduzierten sich nämlich jetzt meine Motive auf Alltagsgegenstände. Manchmal fotografierte ich sie und es kamen Bilder heraus, die interessant waren und manchmal waren die Bilder einfach nur verwackelt. Ich konnte Tage und Wochen vorher an einem Gegenstand vorbei gegangen sein, ohne dass er mir irgend etwas sagte, und irgendwann kam ein Impuls und dann musste ich den Gegenstand fotografieren. Und wenig später, wenn ich wieder an dem Gegenstand vorbei kam, wunderte ich mich, was den Impuls ausgelöst haben konnte, weil der Gegenstand wieder total uninteressant war. Ich stellte fest, dass die interessanten Bilder nur dann entstanden waren, wenn ich auf eine gegebene Situation reagiert hatte. Es funktionierte nicht, wenn ich Alltagsgegenstände beliebig arrangierte, um sie zu fotografieren. Es musste also etwas mit der Situation zu tun haben, in der ich fotografierte, und nicht mit den Gegenständen oder den Motiven. 

Und es hatte offenbar etwas mit Stimmungen zu tun, die in der Situation im Raum waren. Diese kamen eindeutig von mir, denn ich war ja jetzt alleine in der Wohnung. Die Stimmungen spielten also die entscheidende Rolle, ob ein Bild interessant war, während die vorgefundenen Gegenstände offenbar nur als Reflexionsfläche dienten. 

Eine zeitlang dachte ich, dass meine Bilder gelungen wären, wenn sie figürlich waren. Ich merkte dann aber, dass die Bilder für sich sprachen, auch wenn sie nicht figürlich waren. In ihnen fand ich Themen, die einerseits mit meinen eigenen Befindlichkeiten zu tun hatten, aber auch Themen von äußeren Ereignissen wie Krankheit, Krieg, Flüchtlinge oder Klimakatastrophe. Themen, die im Außen hochaktiv waren und in mir weiterwirkten.

Diese surreale Erfahrung hat mich zu der Annahme geführt, dass es bei der RCM Technik um das sichtbar machen verborgener Welten geht. Denn das Foto entsteht genau im Bruchteil des Augenblicks, in dem das Motiv aus seiner materiellen Realität herausgelöst wird und GLEICHZEITIG meine Intuition in Kontakt mit unsichtbaren Realitätsebenen steht. 

Natalie Truchsess Metamorphose Quadrat ICM photography

Saudade (Sehnsucht)

A: Was reizt Sie an dieser Doppeldeutigkeit?

 

NT: Naja, es ist zum einen dieser spannende Aspekt, mit Teilen einer unsichtbaren Welt über die Fotografie in Verbindung treten zu können, und andererseits der Aspekt, wie diese Anteile aus der unbekannten Welt in meinen Bildern wirken.

Denn es ist nicht so, dass ich die Bilder immer gleich verstehe. Es sind abstrakte Bilder, die nicht über den Verstand kommunizieren, sondern das Gefühl ansprechen. Deshalb geht es auch nicht darum möglichst irgendetwas Figürliches in den Bildern zu entdecken, sondern ich habe das Gefühl, dass sich in den Bildern eher die Idee einer Stimmung mitteilt. Und da passiert dann auch wieder der gleiche Prozess, wie ich ihn vorhin bei den Auswirkungen auf den Alltag beschrieben habe. Indem man beim Betrachten der Bilder bestimmten Gedanken und Gefühlen Relevanz einräumt, können sie sich manifestieren und aus Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Das finde ich spannend. 

Natalie Truchsess Metamorphose Querformat ICM photography

Transition (Übergang)

A: Erzählen Sie mir von der Bedeutung des Lichts für die Schaffung von Stimmungen in der jeweiligen Situation.

 

NT: Naja, es gibt mehrere Aspekte, bei denen Licht eine Rolle spielt. Technisch gesehen werden die Farben durch die RCM Technik heller oder milchiger, was vielleicht mit der additiven Farbmischung zu tun hat. Es bedeutet in der Praxis für mich, dass ich meinen Bildern meistens nachträglich etwas mehr Kontrast und Sättigung zufügen muss, bzw. beim Fotografieren schon mit reduzierter EV (Exposure Value) arbeiten muss. Außerdem brauche ich eine längere Belichtungszeit, damit die Konturen sich auflösen können, und die erhalte ich, indem ich die Lichtmenge reduziere, entweder indem ich bei dämmrigem Licht fotografiere, über die Blende arbeite oder sogar ND-Filter einsetze, wie bei den Meerbildern die ich 2019 tagsüber bei vollem Licht aufgenommen habe.

Indem ich die Konturen auflöse, bekommen Licht und Farben einen größeren Stellenwert gegenüber den Motiven. Licht und Farben kommunizieren auch stärker über das Gefühl, als über den Verstand, und können so Stimmungen besser transportieren. 

Natalie Truchsess Transformation von Natur ICM photography

A: Welche Materialien erforschen Sie derzeit für zukünftige Fotografien?

 

NT: Ich experimentiere zur Zeit mit Schwarz-Weiß-Fotografie und RCM Technik. Aber es ist mir noch nicht möglich das Ergebnis zu produzieren, was ich mir vorstelle machen zu können oder was ich erreichen möchte. 

Schwarz-Weiss-Fotografie funktioniert anders als Farbfotografie. Man muss mehr auf Licht, Schatten und Kontraste achten, und wissen welche bunte Farbe welchen Grauton ergibt, damit keine graue Suppe entsteht. Die Umwandlung eines Farbnegativs in ein Schwarz-Weiss-Foto bringt auch andere Grautöne und Kontraste hervor, als ein Schwarz-Weiß-Foto das von einem Schwarz-Weiss-Negativ stammt. Diese Schwierigkeit besteht auch bei der Digitalfotografie, weil die meisten Kameras Farbkameras sind. Drum denke ich, dass ich noch etwas warten muss, bis ich mir eine echte digitale Schwarz-Weiss-Kamera leisten kann, um zufrieden stellende Ergebnisse zu bekommen. 

A: Wie hat Ihr Hintergrund in der analogen Dokumentar-, Landschafts- und Porträtfotografie die Serie Metamorphose beeinflusst? 

 

NT: Zu analogen Zeiten hatte ich nur eine begrenzte Anzahl von Filmrollen dabei. Das schulte mich, das Besondere einer Situation intuitiv zu erfassen, um es in einem Bild zu erzählen. Mein Ziel als Dokumentarfotografin war und ist bis heute, die Welt so abzubilden, wie sie mir in ihrer Komplexität erscheint. Ob Porträts von Menschen oder Gesellschaften, Natur-Impressionen in Form von Landschaften, Pflanzen oder Gesteinen, Architektur- oder Strassenfotografie: Es ist die Vielschichtigkeit einer Situation, welche die Spannung im Bild ausmacht. Und es sind die Geschichten hinter dem Motiv. Auch alltägliche Dinge mit ihren Texturen, Farben und Kompositionen, die gemeinhin nicht wahrgenommen werden, haben in ihrer Abstraktion für mich diese Faszination, sie erzählen ihre Geschichten nur mit leiseren Tönen. Dieses intuitiv auf die Zwischentöne hören hat meine Metamorphose-Fotografie beeinflusst.

Aus der Dokumentar-, Landschafts- und Porträtfotografie bringe ich auch die Erfahrung mit, dass es einen Unterschied macht, ob das Motiv stereotypisch abgebildet wird, damit aber oft eine eher langweilige und leere Fassade präsentiert, oder ob das Motiv etwas archetypisches hat, und damit ein Geheimnis oder Rätsel in sich trägt, welches spannend ist zu entschlüsseln. 

Wir bevorzugen oft die Stereotypen, weil wir da Gewohntes wiederfinden, ohne uns anstrengen zu müssen die Zwischentöne und damit die Idee hinter dem Archetypischen zu entdecken. Die Metamorphose-Bilder sind in diesem Sinne auch eine Weiterführung meiner im Laufe der Jahre immer abstrakter gewordenen dokumentarischen Bildsprache. 

Natalie Truchsess Metamorphose Querformat ICM photography

Network (Netzwerk)

A: Inwiefern unterscheidet sich diese Serie beispielsweise von der Serie Transformation von Natur?

 

NT: Die Aufnahmen der Naturbilder sind mit der ICM Technik (Intentional Camera Movement) entstanden. Im Unterschied zur RCM Technik kann man die Motive noch erkennen.

Dass unscharfe Bilder manchmal mehr von der Stimmung der Szene zeigen können, habe ich schon zu analogen Zeiten festgestellt. Damals fiel mir beim Aussortieren verwackelter Fotos ein Bild auf, das trotz seiner Unschärfe die Atmosphäre der Situation stimmungsvoller wiederzugeben schien, als die scharfen Fotos. Ich versuchte schon damals mit der analogen Technik diesen Effekt nachzustellen, aber erst die Digitaltechnik hat es mir ermöglicht, direkt an Ort und Stelle das Ergebnis zu beurteilen, Änderungen vorzunehmen und so lange zu experimentieren, bis ich das gewünschte Ergebnis erreichte. 

Der Unterschied zu den Metamorphose-Bildern besteht aber auch darin, dass ich die Stimmung bei den ICM Bildern bewusst wahrnehme und die Technik einsetze, um diese Stimmung in den Fotos herauszuarbeiten. Wenn ich vorhin die RCM Technik mit dem abstrakten Expressionismus verglichen habe, dann erscheinen mir die ICM Aufnahmen als Form des Impressionismus. 

Natalie Truchsess Transformation von Natur ICM photography

A: Hatten Sie in den letzten zwei Jahren die Möglichkeit, in die Natur einzutauchen?

 

NT: Mein Focus in den letzten beiden Jahren lag eindeutig auf der RCM Technik.

Ich habe aber Meerfotos gemacht, in denen sich meine Beschäftigung mit philosophischen Fragen widerspiegelt. 

Sie unterscheiden sich von den bisherigen impressionistischen Fotos, indem sie auch mehr den einzelnen Augenblick während der Aufnahmesituation betonen, als die Stimmung im Allgemeinen.

Natalie Truchsess Transformation von Natur ICM photography

A: Wie hat sich Covid-19 auf Ihre künstlerische Praxis ausgewirkt?

 

NT: Die durch die Pandemie entstandene Entschleunigung hat mir die Möglichkeit geboten, mich mehr mit philosophischen Themen zu beschäftigen: Was ist das Leben, was ist Realität, was ist Wahrheit, was Religion, welchen Anteil haben wir an der Gestaltung unserer Wirklichkeit, und: Welchen Stellenwert hat Kommunikation in unserer Lebenswahrnehmung?

Die Wichtigkeit der Darstellung und Rezeption von Information ist mir erst durch Covid-19 richtig bewusst geworden. 

Nach welchen Kriterien geben wir Informationen die Berechtigung, unsere Wahrnehmung von Realität zu bestimmen? Welche unbekannten Anteile in uns tragen dazu bei, dass wir bestimmten Informationen glauben? Und wie sehr sind wir uns darüber bewusst, wie Konzerne ihre medialen Möglichkeiten nutzen, um uns zu manipulieren? Welchen Gedanken, Gefühlen und Ideen verhelfen wir, durch das Aussprechen Wirklichkeit zu werden? Und welches Potential wiederum kann Kommunikation haben, wenn wir bewusst hoffnungsvollen Ideen Verwirklichungsmöglichkeiten bieten. Diese Fragen in ihrer tragischen Tragweite in Form von Medien-Zensur und Geschichtsauslegung sind leider gerade verschärft im Krieg in der Ukraine zu beobachten. Aber es betrifft nicht nur den Krieg, sondern auch andere brisante Themen wie Rassismus und Klimawandel. Kommunikation scheint mir wichtiger denn je. Denn es bedeutet anderen Ideen und Meinungen im eigenem Leben mehr Raum und Berechtigung zu geben, und sich selbst damit die Möglichkeit einzuräumen, eigene Ideen und Meinungen zu überdenken. Nicht der Rückzug in die Sprachlosigkeit verändert die Welt, sondern neue Ideen und Gedanken - und die Kommunikation darüber. 

Natalie Truchsess Metamorphose Quadrat ICM photography

Farewell (Abschied)

A: Glauben Sie, dass Sie sich in den nächsten Jahren mit Porträtfotografie beschäftigen werden? Würden Sie die 

gleichen fotografischen Techniken verwenden, um die Komplexität der menschlichen Erfahrung zu vermitteln?

 

NT: Ein Porträt ist eine Mischung aus Selbstdarstellung, künstlichem in Szene setzen und Charakterstudie. Der Fokus des Fotografen liegt dabei aber immer beim Porträtierten. Würde ich eine Person mit meiner Technik porträtieren, wäre es ein bewusster Akt, ähnlich dem Arrangieren von Gegenständen, wie ich es vorhin beschrieben habe.

Meine Fotografie entsteht aber, soweit ich das bisher nachvollziehen kann, aus meiner Intuition. Und, sich auf Intuition zu fokussieren, funktioniert nicht. Intuition braucht Freiheit um sich zu entwickeln, manchmal sogar Langweile um überhaupt in unserer geschäftigen Welt den Kanal zu der verborgenen Welt der Möglichkeiten und Ideen zu öffnen. Insofern denke ich, dass es sehr schwierig sein würde, gezielt mit der RCM Technik Porträts zu machen. 

A: Erzählen Sie mir von Ihrer aktuellen Gruppenausstellung 3 > 2 in der Galerie Hafemann, Wiesbaden. Inwiefern unterscheidet sich die Erfahrung dieser Ausstellung von Ihren früheren Ausstellungen?

 

NT: Es ist das erste Mal, dass ich im Rahmen einer so großen Gruppenausstellung meine Fotos präsentiere. Es sind insgesamt 27 bekannte Künstler mit je drei Kunstwerken in der Ausstellung vertreten. Die Künstler kommen aus ganz verschiedenen Richtungen wie Malerei, Bildhauerei, Installation oder Konzept-Kunst. Der Austausch mit ihnen über die verschiedenen Arbeitstechniken hat dem Blick auf meine Fotos noch eine neue Perspektive hinzugefügt, nämlich, das materielle Ergebnis zu betrachten. Da die Fotos vom Aussehen eher der Malerei zugeordnet werden, statt der Fotografie, wurde ich um Schattierungen und Farbverläufe „beneidet“, wie sie mit malerischen Mitteln nur schwierig herzustellen sind. 

Natalie Truchsess Metamorphose Querformat ICM photography

Inspiration

A: Was sind Ihre Pläne für den Rest des Jahres 2022? Was glauben Sie, wie sich Ihre Arbeit in den nächsten fünf Jahren weiterentwickeln wird?

 

NT: Das ist schwierig zu sagen, weil ich ja nicht Projekte anlegen kann, die ich dann ausarbeite, wie ich es bei der Konzeptkunst tun würde. Dokumentarfotografie agiert weniger, als dass sie reagiert. 

Mein Fokus wird sich in naher Zukunft aber sicher noch mehr von der visuellen Wahrnehmung hin zur intuitiven Wahrnehmung verschieben, also statt mit den Augen zu fotografieren, mehr mit dem Gefühl zu fotografieren.

Wie sich meine künstlerische Arbeit in den nächsten Jahren weiter entwickelt, möchte ich so beantworten, wie ich es in meiner Kunst beobachte: Dass die Realität der Aufmerksamkeit folgt. 

Natalie Truchsess Metamorphose Quadrat ICM photography

Reflection (Reflexion)